Giro Dolomiti ...

Bericht von Barnaby Law:

Bereits im Winter waren Glenn, Klaus, Axel, Marco und ich auf die Idee gekommen, uns für das Jahr 2017 ein etwas größeres und anspruchsvolleres Ziel zu stecken und nach einigem Überlegen haben wir uns für die "Giro delle Dolomiti" in Bozen entschieden. Der Giro hat mehrere große Vorteile, die für uns den Ausschlag gegeben haben: zum Einen ist und bleibt Bozen das Basislager, was bedeutet, dass Gepäckverlagerung und Hoteländerungen nicht nötig sind, zum Anderen kombiniert die Tour quasi den Charakter einer RTF (z.B. Verpflegungsstationen unterwegs) mit dem Anspruch eines Rennens mit gesperrten Straßen und ausgewiesenen Strecken zur Zeitnahme, die alle bergauf sind, womit die Gefahr einer Rennabfahrt nicht gegeben ist.
Wir meldeten uns also bereits im März/April zu fünft als "Team Seevelo" an und ende Juli trafen sich Christian aus Rostock, Marco, Glenn, Klaus und ich am Samstag den 29. Juli bei der Messe Bozen zur Anmeldung. Die Anmeldung war vollkommen unproblematisch und wir konnten noch recht frühzeitig in unser Hotel nach Leifers, ungefähr 6km von der Messe entfernt. Am gleichen Abend fand dann in einem Hotel neben der Messe eine Willkommens-Veranstaltung mit Erklärungen zum Ablauf und zu den Strecken (Bild 1).
Das Teilnehmerfeld wurde jeden Morgen um 0800h von der Messe aus gestartet (außer am letzten Tag) und mit Begleitfahrzeugen bis zur Rennstrecke geleitet, wobei die Polizei für das Rennfeld alle Straßen in den Städten durch sperren aller wesentlichen Kreuzungen und Zufahrten frei hielten.
Wir verließen unser Hotel am Sonntag morgen um 0700h und fuhren mit einem Rennfahrer aus Rheinhessen über die hervorragenden Fahrradstraßen von Bozen zur Messe, aktivierten unsere Transponder und stellten uns in Reih und Glied der Startmenge auf. Die Teilnehmer kamen von fast überall her. Kolumbien, Australien, Indien und USA waren typischerweise die entferntesten Nationen und Deutschland, Italien, Schweiz, Norwegen und Holland waren wohl die meist vertretenen Nationen. Auch sollten wir in den nächsten Stunden schnell merken, dass das Feld qualitativ sehr hoch besetzt war, zum Beispiel mit dem Katushua Alpecin Nachwuchsteam oder mit den Kolumbianern. Auch waren sehr viele Radsportvereine am Start, die teilweise knapp 30 Fahrer angemeldet hatten und teilweise eigene Begleitfahrzeuge dabei hatten.
Zur hervorragenden Organisation gehörte auch, dass an jedem Tag sowohl Sanitäter, Fernsehteams, Fotographen und auch typischerweise 3 Mechaniker mit dem Rennfeld mitfuhren. Es war wohl ein Wink des Schicksals, aber als wir in der Masse auf den Start warteten fiel uns ein Britischer Radfahrer in unserer Nähe auf, der verblüffende Ähnlichkeit mit Bradley Wiggens hatte. Wir sprachen Graeme sofort an und aus dieser Spontanbegegnung wurde über die folgenden Tage eine super Freundschaft.
Die erste Tour ging erst recht gemächlich von Bozen nach Brixen was ungefähr 45km und 300hm sind, wobei die Devise eigentlich war, möglichst viel Kraft und Kondition sparen bis zum Start des eigentlichen Rennens. Allerdings war schon gleich bei diesem ersten Abschnitt zu spüren, dass
Bild 1:   Team Seevelo bei der Willkommensfeier
Bild 2:   Team Seevelo kurz vor dem ersten Start
Bild 3:   Das Starterfeld um 0745h an der Messe Bozen
das Feld doch sehr schnelle Fahrer dabei hatte. Von Brixen aus ging es auf den Plose, wobei wir erst noch ca. 350hm bei etwa 10%iger Steigung bis zum ersten Startpunkt zu überwinden hatten. An diesem Morgen war es zwar ein bisschen bewölkt, aber die Wärme war für uns Nordeuropäer schon deutlich spürbar. Nach diesem ersten Anglühen war die erste Rennstrecke um 15km und fast 1100hm lang auf den Plose zu fahren. Schon der erste Anstieg machte jedem klar, dass das hier kein Zucker schlecken werden würde und am Gipfel angekommen waren wir Seevelos auch nur noch zu viert.
Bild 4:   Glenn "gegroundet" am Dreimädelhaus
Die Abfahrt führte hinter dem Giro Pacecar hinab und dann nach einem weiteren Anstieg in wunderschöner Dolomitenlandschaft wieder steil bergab. Leider waren die Straßen auf den Abfahrtsstrecke in keinem guten Zustand und zahlreiche Längsrillen forderten die volle Konzentration von jedem Fahrer. Die Wolken hatten sich inzwischen verzogen und die Temperaturen waren nun deutlich über 30°C. Christian, Glenn und ich fuhren in der Nähe des Pacecars bergab, als ein Knall ertönte, vergleichbar einem großkalibrigen Büchsenknall. Jeder schaute auf sein Rad und ich sah sofort wie sich ein paar Meter vor mir Glenns Hinterrad schlagartig leerte und Glenn es gerade noch schaffte, sein Rad anzuhalten und schnell aus der Abfahrtsschneiße hinaus zu kommen. Nach Entnahme des Schlauches war ein ca. 7cm langer Riss im Schlauch sichtbar, was natürlich zu dem schlagartigen Platten geführt hat, allerdings war bei näherem Hinsehen eine mehrfache Beschädigung der Felge an der Bremsflanke sichtbar wie in Bild 4 zu sehen.
Christian, Glenn und ich versuchten in den folgenden Minuten einen der Mechaniker ran zu winken, allerdings wurde die Situation durch einen wohl recht schweren Unfall weiter oben verkompliziert, weil dadurch Rettungswagen und Feuerwehr zu der weiter oben liegenden Unfallstelle gegen der Strom der Radfahrer vordringen mussten. Letztendlich sind Christian und ich weitergefahren und Glenn blieb zurück in der Hoffnung auf einen Mechaniker.
Als Christian und ich wieder an der Messe angekommen waren, riefen wir beim Dreimädelhaus an (Glenn hatte kein Telefon dabei), um uns nach ihm zu erkundigen und bekamen die gute Nachricht, dass er wenig später abgefahren sei. Und tatsächlich hatte Glenn von "Mechaniker 2" ein Erstatzlaufrad bekommen, dass zwar nicht ganz passte (11 Fach, Campagnolo), ihm aber die Rückfahrt gut ermöglichte. Und da Mechaniker 2 an der Messe nicht zu finden war sind wir dann nach Glenns Ankunft ins Hotel zurück und haben uns im Whirlpool von den Strapazen erholt.
Die zweite Etappe begann bereits mit großer Routine. Frühstücken um 0600h, Abfahrt vom Hotel um 0715h, Start an der Messe um 0800h. Die Temperaturen waren bereits in der Nacht ein Problem gewesen und beim Start waren sie auf 28°C im Schatten gestiegen. Glenn hatte mit Mechaniker 2 vereinbart, dass er dieses Rennen mit dem geliehenen Laufrad absolvieren könne (siehe Bild 6) und am Abend oder am nächsten Morgen voraussichtlich ein alternatives Laufrad bekommen könne. Die Tour hieß Maria Weissenstein und sah auf dem Papier recht machbar aus, was sich aber als Täuschung herausstellen sollte. Die ersten 45km war die Strecke flach und zahm, um dann knapp 50km lang knallhart bergan zu gehen mit einer anhaltend knackigen Steigung und zwei kurzen Abfahrten, sodass wir etwa harte 100km in den Beinen hatten, bis es zur Zeitnahme kam. Die Rennstrecke war gekennzeichnet von einem fast kontinuierlichem 10% Anstieg mit einem kleinen Flachstück nach ungefähr 600hm, um dann wieder mit 10% Steigung die letzten 250hm zu erklimmen - und das in der sengenden Mittagshitze.
Bild 5:   Relax!!!!
Bild 6:   Shiny rear wheel, happy Glenn
Wie auch am Vortag war nach dem Zieldurchgang eine Verpflegungsstation, dieses Mal auf dem Parkplatz des Klosters Maria Weissenstein eingerichtet und alle konnten sich bei guter Küche und viel Trinken wieder stärken. Die Weiterfahrt war größtenteils durch Abfahrten gekennzeichnet und wie auch am Vortag durch das Pacecar beruhigt. Was die meisten sehr deutlich zu spüren bekamen waren Schmerzen in den Händen durch das langanhaltende und kräftige Bremsen, dass zum Beispiel auch auf den "einfachen Geraden" notwendig war, um das Pacecar nicht zu überholen. Und wie jeden Tag haben die Polizei und die Begleitmotoräder alle Kreuzungen und Zufahrtsstraßen für alle anderen Verkehrsteilnehmer gesperrt und abgeriegelt.
Auch unser Abendprogramm hatte eine Routine bekommen. Rückfahrt ins Hotel, Duschen, Fahrradwartung, Whirlpool und Sonnenliegen auf der Dachterrasse, Abendessen und Nachtruhe. Nach solchen Strapazen ist ein bisschen Routine scheinbar hilfreiche Ablenkung und Vorbereitung zugleich.
Am Morgen hatte Glenn bereits einen Termin mit Mechaniker 1 an der Messe und hat einen Satz neue Laufräder bekommen, damit er wieder alle Gänge ohne Geräuschentwicklung benutzen konnte. Die dritte Etappe führte uns zum Passo Valles und die Rennstrecke sollte über einen 21km langen Anstieg gehen, allerdings hat die Rennleitung kurzfristig die Rennstrecke deutlich verkürzt. Die Kommunikation verlief dann auch etwas "italienisch", denn es gab keine Durchsage oder etwas offizielles, sondern die Information verbreitete sich durch Mund zu Mund Propaganda im Feld was letztendlich auch funktioniert hat. Anfangs war ich etwas enttäuscht, denn ich hatte gefühlt gute Beine an dem Tag und ich dachte, dass ich bei einem langen Anstieg vielleicht etwas Plätze gut machen könnte. Allerdings war der Anstieg dann so zäh und die Temperaturen so hoch, dass ich alleine aus Temperaturgründen super froh war, die kurze Rennstrecke fahren zu dürfen. Eine weitere Eigenart der Passo Valles Runde war, dass wir nach dem Rennen noch zwei Anstiege fahren mussten mit jeweils ungefähr 500hm und Steigungen zwischen 12 und 16% die für uns alle sehr hart und erschöpfend waren. In Summe hatten wir an dem Tag 146km und 3100hm gemacht und keiner war böse, dass wir am nächsten Tag einen Ruhetag hatten.
Den Ruhetag haben wir im Wesentlichen dazu genutzt die Fahrräder wieder fit zu machen. Klaus, Glenn und ich sind morgens zu dem Laden von "Mechaniker 1" gefahren und Glenn hat noch ein paar Kleinigkeiten an der Kassette seines neuen Laufrades machen lassen, Klaus hat sich ein kleineres Kettenblatt montieren lassen und ich habe eine neue Kassette aufziehen lassen, denn Mechaniker 1 war sicher, dass ich trotz kurzem Käfig 30 Zähne fahren könne (und er hatte vollkommen recht!).
Christian und Graeme (unser englisher Freund "Wiggens") waren morgens noch eine kleine Runde radfahren gewesen und Marco und Christian sind dann gemeinsam zum Kalterer See gefahren, wo wir dann dazu gestoßen sind und den Nachmittag beim Schwimmen verbracht haben.
Allen Teilnehmern war klar, dass die 4. Etappe der "Scharfrichter" der Tour werden würde. Das Penser Joch liegt 2000hm oberhalb von Bozen und die Rennstrecke hatte fast 1300hm bei quasi gleichbleibender Steigung zwischen 10 und 12%, wenn man von einem kurzen Flachstück am Anfang absieht. Der Weg von Bozen nach Sterzing war schon anstrengend und heiß, wobei das Organisationskomitee (wie auch an den vergangenen Tagen) versuchte die Veranstaltung für die Bewohner und die Städte erlebbar zu machen und das Feld deshalb bei langsamen Tempo mitten durch die Altstadt von Sterzing führte. Nach dem Rennstart war die Hitze am Berg wieder brutal und die Steigung wollte kein Ende nehmen. Das Penser Joch ist ein Südtirol ein Synonym für einen harten Anstieg und diesem Ruf ist das Penser Joch sehr gerecht geworden. Das tückische an dem Aufstieg ist nicht nur die Steilheit und die Länge, sondern dass man schon nach ungefähr 300hm die Gebäude am Pass sehen kann, aber es sich noch so lange hinzieht und die Gebäude scheinbar nicht näher kommen wollen. Dennoch haben alle vom Team Seevelo haben das Penser Joch gerockt und Graeme ist sogar in einem fantastischen Ritt 25. geworden und zweiter in seiner Kategorie. Respekt!
Bild 7:   Einer der Giro Motorrad Gang
Auf der Abfahrt vom Penser Joch fuhren wir durch zahlreiche recht neue Tunnel die jedes Mal wieder eine angenehme Abkühlung verschafften, allerdings war dann vor allem die Ausfahrt aus dem letzten Tunnel wir die Einfahrt in einen Backofen namens Bozen.
Die letzte Etappe schien auf dem Papier gut machbar zu sein, allerdings täuscht das Papier zum Einen gerne mal und zum Anderen hatten wir ja nun alle ungefähr 10000hm in den Beinen, die dann einen Anstieg auch mal schmerzhaft und unangenehm machen können. Inzwischen war Graeme durch seine sagenhafte Leistung am Penser Joch in der Gesamtwertung noch vor Christian gerutscht und aus diesem Anlass entstand Bild 9 noch am Morgen vor dem Start :-)
Nach einem leichten Flachstück gab es wieder ungefähr 40km Anstieg auf der Strecke, über die auch die Giro d'Italia gefahren ist. Die Rennstrecke hatte zwar zwei kurze 12% Steigungen auf die aber jeweils ein Flachstück folgte, um dann mit ungefähr 7-8% ins Ziel zu winden. Allerdings fühlten sich die 7-8% nach so vielen Höhenmeter in den Beinen auch nicht mehr so flach an.
Mit dem Zieldurchgang war dann auch die großen Rundfahrten der Giro delle Dolomiti Veranstaltung beendet und es stand für Samstag das Mannschaftszeitfahren an. Die Regeln waren, dass in Teams von 5 Fahrern gestartet wird und als Mannschaftszeit wird die Zeit des 4. Fahrers gewertet. Das Streckenprofil war 27km lang und größtenteils flach, allerdings waren ein Zwischenanstieg mit 100hm und ein Schlussanstieg mit 200hm Garanten für Schmerz und Leiden der Fahrer. Für das Team Seevelo fuhren Christian, Glenn, Graeme, Marco und Barnaby und unsere Anfangstaktik war es, dass Marco möglichst bis zu ersten Anstieg die meiste Führungsarbeit leisten solle und dann aussteigt. Weiterhin sollte Glenn maximal viel im Windschatten fahren, um unser 4. Mann sein zu können.
Bild 8:   Seevelos vor und nach dem Penser Joch
Bild 9:   Battle in Bozen: Klopsch vs. Gibbs
Wir starteten als einer der letzten Teams und hielten uns sehr schön an unsere Renntaktik. Alle Wechsel klappten sehr gut und für eine Mannschaft, die in der Form das erste Mal zusammen fuhr war das richtig super. Auch justierten wir unsere Taktik während der Fahrt noch sobald zu erkennen war, dass jemand Unterstützung brauchte. Wir schafften es, mit großer Unterstützung von Christian und Graeme und wahrscheinlich großen muskulären Schmerzen bei Allen ins Ziel und wurden stolze 8 schnellste Mannschaft von 28 Herrenmannschaften (Bild 11).
Es war eine großartige Veranstaltung. Wir hatten sehr viel Spaß, wir haben viele super sympathische Menschen getroffen, die Gegend ist ein Traum zum Radfahren und bei uns ist alles super verlaufen, wenn man von dem glücklich verlaufenen Felgenschaden bei Glenn absieht. Radlerherz was willst Du mehr?
Was auch zurückbleibt ist, wie extrem heiß es war, die Renntage sind super anstrengend und alleine das durchhalten ist schon eine nicht einfache Leistung. Das Leistungsniveau des Teilnehmerfeldes war sehr hoch und zu dieser Veranstaltung kommen wirklich hervorragende Radsportler aus vielen Nationen, um so bemerkenswerter ist Christians Platz unter den Top 70. Gratulation.